Wissenschaftler erklären:

Wie uns die Wiesn den Kopf verdreht

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Die Wiesn verdreht uns den Kopf - dafür gibt es auch wissenschaftliche Gründe.

München - Das Oktoberfest übt eine unglaubliche Magie auf uns aus. Auf der Wiesn machen wir Sachen, die wir sonst nie tun würden. Warum wir das tun, erklären hier zum großen Feier-Finale mehrere Wissenschaftler.

Auf der Wiesn verbrüdert sich der Chef mit dem Arbeiter, Alt und Jung grölen banale Lieder, saufen sich die Enge mit literweise Bier schön, stehen Ängste in der Achterbahn aus, essen Schweinswürstl, Zuckerwatte und Mandeln wild durcheinander.

Das Oktoberfest – Masse, Rausch und Ritual – die Münchner Psychologin Brigitte Veiz hat die Magie der Wiesn in einem Buch analysiert und kommt zu dem Schluss: „Die Wiesn ist ein orgiastischer Riesen-Rausch, der unsere Triebe befriedigt.“ Auf der Wiesn können wir wieder Kind sein, mit den Fingern essen, laut grölen, uns daneben benehmen, fremde Menschen begrapschen. „Der Gast gibt seine Individualität am Eingang ab und löst sich in der Masse auf“, sagt Veiz. Das Bemerkenswerte: Andere Volksfeste verdrehen uns lange nicht so den Kopf. „Die Wiesn ist typisch für Oberbayern mit seiner Tracht und den Traditionen“, sagt Veiz.

So haben Sie die Wiesn noch nie gesehen

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Grundsätzlich gelte: In katholisch geprägten Regionen feiern die Menschen ausgelassener, weil ihnen die Sünden bei der Beichte vergeben werden. Ein Protestant aus Franken muss sich da mehr am Riemen reißen. Die tz wollte es ganz genau wissen und hat Psychologin Veiz und weitere Gehirn- und Verhaltensexperten gefragt: Warum verdreht uns die Wiesn derart den Kopf? Was ist an der Mischung aus Achterbahn, Zuckerwatte, Dirndl und Bier so magisch?

Simone Herzner, Nina Bautz

Geselligkeit

Mitsingen löst die Anspannung.

Die Atmosphäre im Zelt, die Enge, die Hitze, der Geruch – all das ist schwer zu ertragen, zumindest nüchtern. Warum begeben wir uns in so einen Hexenkessel? „Im Zelt wird wie bei vielen Massenveranstaltungen, etwa bei Konzerten oder Fußballspielen, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt“, erklärt Prof. Behrend vom Münchner Zentrum für Neurowissenschaften. „Wir werden Teil eines großen Stammes.“ Nur, dass die Stämme auf der Wiesn eben Schottenhamel oder Himmel der Bayern heißen …

„In den Zelten darf man wieder Kind sein, kollektiv mit der Menschenmasse Blödsinn machen“, sagt Psychologin Brigitte Veiz. Und man kann ohne aufzufallen grölen und schreien – das löst stressbedingte Anspannungen. Auch für das Phänomen, dass auf der Wiesn alle auf den Bänken tanzen, gibt es eine Erklärung: „Wir Menschen besteigen ja auch gern Berge“, sagt Psychologe Ralph Schicha. „Sobald der Mensch Überblick über etwas bekommt, fühlt er sich größer, die Probleme erscheinen kleiner.“

Psychologin Veiz: „Es gibt Filmaufnahmen aus den 70er-Jahren, da standen die Menschen noch nicht auf den Bänken, da wurde nur geschunkelt. Das ausgelassene, wilde Feiern ist auch ein Ventil für den ständig wachsenden Druck im Alltag.“ Der kollektive Taumel auf der Bank ist noch für etwas anderes gut: „Im Gehirn gibt es sogenannte Spiegelneuronen. Das sind Nervenzellen, die uns dazu anregen, die Bewegungen unseres Gegenübers nachzuahmen“, erklärt Veiz. Das geht natürlich auf der Bank stehend viel besser als beim Schunkeln im Sitzen.“

Die besten Flirt-Sprüche für die Wiesn

Die besten Flirt- und Anmachsprüche

Kleidung

Das Dirndl ist ein „Fruchtbarkeitssymbol“

Die einheitliche Kleidung in Dirndl und Lederhosen verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Prof. Oliver Behrend vom Münchner Zentrum für Neurowissenschaften. Ein Dirndl setzt Taille und Hüfte in ein optimales Verhältnis, das zieht die Männer an, ebenso die tiefen Einblicke in die Rüschenbluse. „Die Tracht hat auf der Wiesn viel mit Selbstdarstellung zu tun“, sagt Psychologin Brigitte Veiz.

Das Mir-san-mir-Gefühl werde voll ausgelebt, der Stolz auf Kultur und Tradition gezeigt. Auch durch die Kleidung ist die Wiesn eine sehr romantische Angelegenheit: „Die Lederhose des Mannes erinnert an Jagd, Urtrieb, urwüchsige Natur. Das Dirndl steht für Fruchtbarkeit.“ Die Wiesn ist für Veiz ein einziges Fruchtbarkeitsritual – überall werde geflirtet und gegrapscht. „Buden wie Hau den Lukas sind phallische Symbole“, erklärt Veiz. Der Mann kann hier zeigen, dass er es trotz drei Mass Bier noch drauf hat, dass er voller Testos­teron steckt. Die Frau schließt unterbewusst auf gute Gene beim Angebeteten. „Hier lässt sich das Handicap-Prinzip bei Tieren auf uns übertragen“, so Veiz. „Für den männlichen Pfau sind die Prachtfedern eigentlich ein Hindernis im Kampf ums Fressen und Gefressen werden. Er zeigt dadurch aber: Ich bin stark genug, um mir den Schmuck zu leisten.“ Analog dazu das Handicap des Wiesn-Mannes: Bier. Er zeigt: „Ich habe zwar schon Unmengen getrunken, bin aber trotzdem noch potent und stark.“

So sexy ist die Wiesn

Strecje

Nervenkitzel

In der Achterbahn kommen Urinstinkte auf

Geisterbahn und Achterbahn simulieren lebensbedrohliche Situationen. Was daran schön ist? Alte Fluchtmechanismen schlummern immer noch in uns und warten darauf, ausgelöst zu werden. „Ähnlich wie beim Tier, das vor dem Feind flüchtet, muss der Mensch in Angstsituationen alle Energie auf den Fluchtmechanismus lenken und Organe und Muskeln versorgen“, erklärt Neurologe Martin Kühn. „Damit das funktioniert, wird das Kontrollsystem im Gehirn kurzfristig ausgeschaltet.“

Die Mischung aus Angst und Freude erzeuge einen unheimlichen Adrenalinstoß, ergänzt Psychologin Brigitte Veiz. Man setzt sich der Gefahr aus, der Blutdruck steigt, das Herz rast. Durchs Gehirn schießen Fragen: Hält die Kette? Geht der Bügel wirklich nicht auf? Das besonders Angenehme dabei ist aber das wohlige Gefühl hinterher, wenn man das vorgetäuschte Abenteuer unbeschadet überstanden hat. Denn dabei werden die auch als „Glückshormone“ bekannten Endorphine ausgeschüttet.

Ein weiterer Grund für die Faszination: Es gibt Theorien, die besagen, dass sich der Mensch nach wellenförmigen, rhythmischen Bewegungen wie etwa bei einer Achterbahnfahrt sehnt. Diese ähneln dem Herzschlag der Mutter oder erinnern an das tröstliche Gefühl des Wiegens. Und warum kreischen Frauen öfter als Männer? „Bei Frauen ist es im Alltag nicht gerne gesehen, wenn sie laut werden. Das lassen sie hier raus. Zudem sucht Frau so unterbewusst Schutz beim Mann“, sagt Psychologe Ralph Schicha. Brigitte Veiz: „Männer haben genauso viel Angst, zeigen sie aber nicht.“

Sinnesrausch

Einmal Schlemmen ohne Verstand

Licht, Musik, Gerüche: Die Reizüberflutung der Sinne in denSchaustellerstraßen erlebt der Besucher deshalb als angenehm, weil er sich dann nicht mehr auf einen Gedanken konzentrieren kann und in einen rauschähnlichen Zustand gerät. „Zwar verarbeiten wir Sinneseindrücke in unterschiedlichen Hirn­arealen – diese führen aber alle zum limbischen System, dem emotionalen Teil des Gehirns“, erklärt Neurologe Martin Kühn. Diese Überbeanspruchung in Zusammenhang mit der Ausschüttung von Botenstoffen dort erschwere es, in anderen Kontrollarealen analytisch über Probleme nachzudenken.

Mandeln, Schweinswürstl, Zuckerwatte: Warum essen wir auf der Wiesn so viel durchei­nander? Ernährungsexperte Prof. Volker Schusdziarra führt das auf die überwältigen Sinneseindrücke zurück.

„Überall duftet es verführerisch – die Sensorik beeinflusst den Appetit massiv.“ Außerdem seien Speisen wie Mandeln owder Schokofrüchte typisch für einen Wiesn-Besuch – bei vielen Gästen seien früheste Kindheitserinnerungen damit verknüpft. „Auf der Wiesn kulinarisch über die Stränge zu schlagen, gehört dazu. Aber auf die Kalorienbilanz eines Wiesn-Tages kommt es auch nicht an“, sagt Prof. Schusdziarra. Er rät seinen Patienten: „An Wiesn- und Feiertagen dürfen Sie ruhig zulangen. Entscheidend ist, was man an den verbleibenden 350 Tagen isst.“

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